ABSOLUT ZENTRAL 2011
Kultur und Gesellschaft im neuen Europa
ABSOLUT ZENTRAL steht für ein Projekt das sich mit kulturellen Fragen des neuen Europa auseinandersetzt. Diese erste Ausgabe ist dem mittel- und osteuropäischen Teil des neuen Europa gewidmet. Ich bin überzeugt, dass über die Kultur andere Sichtweisen und Blickwinkeln sich auftun können, als es die bisherigen Auseinandersetzungen der Europafragen imstande sind.
ZENTRAL ist immer der jeweilige Ort, von wo aus der Blick kartografiert wird, wo die eigene Landkarte entsteht. Es gibt nicht eine mögliche Kartografie, sondern viele Kartografien, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben und die zeit- und ortsgebunden sind. Sie stehen jeweils für einen bestimmten historischen und kulturellen Kontext, aus dem eine eigene, auf ihre Art ABSOLUTE Sichtweise entsteht. Diese verschiedenen Sichtweisen – einerseits die Schweiz mit ihrer langen demokratischen Tradition und andererseits der osteuropäische Raum mit seiner Sowjetvergangenheit - aufzuzeigen und zu differenzieren ist die Kernmotivation für dieses Projekt.
1. Ausgabe 15. bis 25. September 2011
Seit dem Zerfall der Sowjetunion ist, nach einer ersten Phase der Euphorie, Ernüchterung eingetreten. Aus der Sicht vieler westlicher Medien und Politiker steht Osteuropa für zivilisatorische Rückständigkeit. Die EU-Erweiterung im Osten Europas wurde vornehmlich an wirtschaftlichen Kriterien gemessen. Die kulturelle Zugehörigkeit dieser Staaten zu Europa, die von der Sowjetisierung verdeckt wurde, kommt kaum zur Sprache. Der Westen gebärdet sich dabei oft mit der Vergangenheitsaufarbeitung als Hüter der Menschenrechte, als Wissender und Interpret der Geschichte.
Dieses Desinteresse gegenüber allem, was man oberflächlich als «den Osten» bezeichnet, und dazu eine ordentliche Portion Angst und Misstrauen – dieses Gemisch gab seit jeher den Mörtel für die Mauern ab, hinter denen sich die einen Menschen gegen die anderen, die «von dort drüben» abgrenzen.
Die osteuropäische Literatur zeichnet sich vor allem durch ihre existenziellen Inhalte mit zum Teil surrealistischen Realitätsverschiebungen aus, weil die ökonomische Situation osteuropäische Autoren in andere Grundbedingungen des Schreibens setzt. Die Literatur greift auch die totalitäre Vergangenheit auf, mit der die Protagonisten in der heutigen Welt leben und existieren müssen.
Deswegen gehört die Literatur aus dem Osten zurzeit zum Spannendsten und Gehaltvollsten, das in die deutsche Sprache übersetzt wird.
Die Veränderungen in Europa, seit der Wende 1989, haben auch in der Schweiz Spuren hinterlassen und bestimmen das heutige politische und kulturelle Tagesgeschehen des Landes weiterhin. Migration, Osthilfe und Schengener Abkommen sind nur einige Stichwörter, die bei uns mit grosser Emotionalität diskutiert werden.
Der einfachste Weg, einer Gesellschaft Selbstachtung zurück zu geben, ist, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf ihre Kultur zu lenken. Das gilt für Osteuropa, das gilt nicht weniger für Westeuropa und auch für die Schweiz.
Sprache ist immer ein wichtiger Indikator zur Selbstbestimmung und deswegen ist es wichtig, dass neuen Stimmen zu Wort kommen, die sich literarisch, essayistisch oder lyrisch mit diesen Fragen auseinandersetzen.
Für den Projektgedanken, osteuropäische Gegenwartspositionen in den Bereichen Literatur und Gesellschaft zu präsentieren, heisst das auch, den Versuch zu unternehmen, nach zwanzig Jahren gesellschaftlicher Transformation in den osteuropäischen Ländern ein künstlerisches Resümee darüber zu ziehen, was aus den anfänglich euphorischen Wünschen, Ideen und Vorstellungen einer anderen Gesellschaft geworden ist.
Wir hätten allen Grund, die kulturellen Leistungen dieser Länder wahrzunehmen, zu fördern und eine fruchtbare Zusammenarbeit aufzubauen.
Die zweite Ausgabe von ABSOLUT ZENTRAL wird im Herbst 2013 stattfinden. Sie wird den Balkan, wie er sich heute präsentiert, mit der Türkei zusammen zum Thema haben. Dazu wird das Thema
Europa ist der jüngste der politischen Kontinente und kennt bis heute seine Grenzen nur ungenau. Es wird immer schwieriger, Europa zu beschreiben. Geert Mak notiert in seinem Essay «In Europa»: «Es ist ein Kontinent, auf dem man mühelos in der Zeit hin und her reisen kann.» Nicht nur in der Dimension Zeit, auch als Raum ist Europa aussergewöhnlich. Wo beginnt es, wo endet es?
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